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Galerie Göttlicher
Ingrid Cerny - Neue Arbeiten

 

Ingrid Cerny - Neue Arbeiten

Dauer der Ausstellung:

11. Oktober bis 8. November 2003

Eröffnung:

Samstag, 11. Oktober 2003, 17:00
Einführung von Mag. Peter Lillie
Die Künstlerin ist anwesend.


Bild - Eröffnung der Ausstellung

Am Anfang ein Zitat. Aus dem Roman "The life of Pi" (auf deutsch Schiffwrack mit Tiger) von Yann Martel aus Kanada.

"Mitbürger, wenn wir unsere Künstler nicht unterstützen, dann opfern wir die Phantasie unseres Landes auf dem Altar der Alltäglichkeit, und am Ende werden wir an nichts mehr glauben können und keiner unserer Träume wird mehr etwas wert sein."

Auf alle Anwesenden trifft das Zitat nicht zu. Ihre Gegenwart heute abend ist Beweis Ihres Interesses an und Ihrer Unterstützung für die Kunst. Und heute wird Ihr Interesse reichlich belohnt, denn wir haben vor uns die Arbeiten einer Künstlerin, Ingrid Cerny, deren Kunst zu wertvollen Träumen und Selbsterkenntnissen führt.

Ihre letzte Ausstellung wurde sehr sinnigerweise Geheimnisträger betitelt. In der Tat haben ihre Arbeiten etwas Kryptographisches an sich. Man muss sie hinterfragen.

In vielen Werken verwendet Ingrid Cerny Worte - oder nur Teile von Worten. Oft auf Stäbchen aufgerollt oder mühevollst mit dem Lötkolben in eine Folie eingebrannt. Für sie zählt die Form der Schrift - nicht so sehr deren Inhalt.

Wie wir jetzt aus einer Studie an der Universität von Edinburgh wissen, ist es nämlich egal, in welcher Reihenfolge die Buchstaben in einem Wort angeordnet sind. Das einzige Wichtige ist, dass der erste und der letzte Buchstabe am richtigen Platz stehen. Der Rest kann wirr durcheinander gereiht sein, und man ist dennoch in der Lage, das Wort ohne Problem zu lesen. Das liegt daran, dass wir nicht jeden Buchstaben einzeln lesen, sondern das Wort als ganzes wahrnehmen.

Ingrid Cerny verwendet das mit gutem Effekt. Hinter jeder Ecke ihrer Arbeiten lauern ein paar Richtungen. Eine schier unerschöpfliche Vielfalt - endlose Variationen zu einem Thema - die Schrift an sich. Sie verleiht der Zweidimensionalität der Schrift, wie wir sie in der bildenden Kunst und Literatur erleben, eine dritte Dimension.

Aber wohlgemerkt, es werden keine Geschichten erzählt, keine Mahnungen erteilt - es werden nur Andeutungen gemacht. Oft Wortfetzen, keine Worte. Uns unbekannte Ideogramme und Arabesken. Die Struktur allein ergibt den Text. Ingrid Cerny regt zum Nachdenken an.

Ein Beispiel habe ich vorige Woche in ihrem Atelier gesehen. Das Stück war noch a work in progress. Es bestand aus Schriftzeichen in Arabisch und Hebräisch, nachgezeichnet mittels Hitze auf zwei teilweise durchsichtigen übereinander liegenden Folien, die mit kleinen Zwischenstücken oder Vermittlern doch getrennt gehalten wurden. Ob von der Künstlerin beabsichtigt oder nicht, war meine erste Assoziation eine geopolitische: die zwei Völker können vielleicht nicht miteinender leben - aber wenigstens nebeneinander. Die Arbeit ist heute abend hier zu sehen.

Die Künstlerin lässt den Betrachter oder die Betrachterin zu ihren eigenen Schlüssen kommen. Sie verwendet Titel sehr sparsam - oder überhaupt nicht. Sie bietet uns diesbezüglich keine Unterstützung. Sie fordert uns zum Nachdenken auf. Und siehe da, bei näherem Betrachten öffnen sich reiche Welten voll Witz und Phantasie.

Ingrid Cerny hat zuerst die Textilklasse an der Akademie für angewandte Kunst mit einem Diplom abgeschlossen und dort als Lehrbeauftragte gearbeitet, ehe sie sich dem Papier widmete. Aber lang vor all dem hat sie ihr Hochbauingenieurdiplom in der Schellinggasse in Wien gemacht.

Diese Verwandtschaft mit etwas hochtechnischem und ihre Liebe zu einem fast allzu gewöhnlichen Material Papier, dessen Struktur und Eigenschaften so vielfältig sind, erklären die Merkmale ihrer Arbeit: gestalterische Genauigkeit, architektonische Konstruktionen, unglaubliche Akribie und Reduktion auf das Wesentliche.

Eine frühe Arbeit trägt den Namen Feldzug. Vielleicht stammt es aus einer Zeit, wo Titel noch wichtig waren! Es steht in der Galerie. Bestehend aus kleinen Stäbchen, an deren Enden bunte Papierstreifen mittels Gummipfropfen gehalten werden, erweckt es für mich den Eindruck von einem mittelalterlichen Heer in Anmarsch. Das bunte Durcheinander symbolisiert nicht nur die sinnlosen Wirrnisse militärischen Handelns - aber ist auch reminiszent der Fahnen der stolzen selbstständigen Städte Mittelitaliens in der Renaissance. Und da plötzlich ist ein Bezug zu Krems-Stein und der Galerie - ein Fahnenfestival auf das Wesentliche reduziert und wieder einmal mit starker Aussage.

Im Laufe der Jahre haben die Arbeiten von Ingrid Cerny eine markante Entwicklung durchgemacht. Ihre früheren Werke waren viel kleiner und sehr reduziert, viel dichter und fast kafkaesk -- aber immer mit dieser ihrer eigen starken Aussage. Ihre neuesten Arbeiten sind viel größer, viel luftiger, leichter und durchleuchtender - aber die Aussage bleibt so kräftig wie immer.

So wie Schmuckkünstler oft Bildhauer im Kleinen sind, ist die Ingrid Cerny eine Tapisseuse en miniature. Sie hat sehr breite Flächen, Kette und Schuss hinter sich gelassen - zu Gunsten der neuen Struktur, Dreidimensionalität, unbegrenzte Entfaltunsgsmöglichkeiten und Verbindungen, die ihr Papier anbieten. Sie wendet traditionelle Papiertechniken an: falten, schneiden und kleben. Noch dazu bleibt das Papier immer als solches zu erkennen - ungeachtet ob die Oberfläche mit verrostetem Metallstaub bearbeitet wird oder in kleinsten Schnipseln manschettenartig gewickelt wird.

Das Material bleibt immer einfach - Papier, Draht, Drahtgitter, Fäden, Folie und Holz. Die Werkzeuge sind ebenso einfach - oftmals wird eine simple Kerzenflamme verwendet, um die Zeichen zu kreieren. Aber die Vielfalt ist überwältigend. Scheinbar nutzlose und alltägliche Dinge werden zu Material für Ingrid Cernys Kunst. Die Welt, die sie erschafft, ist voll Poesie, Humor und tiefem Sinn. Sogar die Verpackungen für ihre Arbeiten sind von ihr nach Maß geschneidert und kunstvoll!

Die Begegnung mit den Arbeiten von Ingrid Cerny ist eine zweifache Entdeckungsreise.

Es sind die Entdeckungen, die die Künstlerin selbst gemacht hat. Die neuen Materialien, neue Aussagen und neue Gestaltungsmöglichkeiten.

Es sind aber auch die Entdeckungen, die von denen gemacht werden, die die Werke betrachten und wahrnehmen.

Die Kunst braucht Betrachter als Begleiter auf der Entdeckungsreise - genau so wie die Betrachter die Kunst brauchen, um die Entdeckungen zu machen. Heute abend wünsche ich Ihnen eine schöne Reise in die Welt Ingrid Cernys.

Mag. Peter Lillie

Bild - Arbeit von Ingrid Cerny (1)
Bild - Arbeit von Ingrid Cerny (2)
Bild - Arbeit von Ingrid Cerny (3)
Bild - Arbeit von Ingrid Cerny (4)
Bild - Arbeit von Ingrid Cerny (5)
Bild - Arbeit von Ingrid Cerny (1)
Bild - Arbeit von Ingrid Cerny (1)
Bild - Arbeit von Ingrid Cerny (1)