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Zur Ausstellung
"Zu meinem endgültigen Entschluss, Architektin zu werden, trug schließlich folgende, für Strnad
bezeichnende Begebenheit bei. An der Schule war ein Wettbewerb für Arbeiterwohnungen
ausgeschrieben. Ich wollte mich daran beteiligen. Strnad sagte: "Gut. Aber bevor Sie damit
anfangen, gehen Sie hinaus in die Arbeiterbezirke und sehen sie sich an, wie die
Arbeiter bei uns heute wirklich wohnen und leben."
Ich ging, ich sah und ich erfuhr von der unvorstellbaren Wohnungsnot der Wiener Arbeiter vor
und während des Ersten Weltkrieges. Nicht selten hausten acht oder neun Menschen in
einem Zimmer, und ich fand kaum ein Kind, das nicht mit ein oder zwei Geschwistern in einem
Bett schlafen musste. Ich kannte noch nicht den großartigen Ausspruch Heinrich
Zilles: "Man kann einen Menschen mit einer Wohnung ebenso töten, wie mit einer Axt", aber genau
das empfand ich. Ich entdeckte immer deutlicher: Neben meiner Schicht von Bürgerlich -
Intellektuellen und neben den Menschen, die sich jenseits der Klassen als eine
Elite betrachteten, lebte in Wien eine riesige Volksschicht von Hunderttausenden Menschen
ihr angespanntes, mir bis dahin unbekanntes Leben. Über die Ursachen ihres Elends war
ich mir damals nicht im Klaren, doch wollte ich einen Beruf ergreifen, durch den ich
zur Linderung dieser Not beitragen konnte. Mein Entschluss, Architektin zu werden
stand endgültig fest (...)"
Schütte-Lihotzky, Warum ich Architektin wurde, S. 26
Die Ausstellung anlässlich der Neuerscheinung dieses Buches zeigt den Einsatz der
Architektin für ein ebenso zeitgemäßes wie soziales Wohnen - beginnend mit dem Plan
für eben jene Arbeiterwohnungen.
Projekte in der Wiener Siedlerbewegung, für den sozialen Wohnbau im Roten Wien
und für das Frankfurter Hochbauamt in den 20er Jahren sind ebenso zu sehen,
wie private Studien - z.B. "die Wohnung der alleinstehenden berufstätigen Frau" - die zeigen,
wie Margarete Schütte-Lihotzky zur Verbesserung der Wohnsituation der Frauen beitragen wollte.
Weiters wird an Beispielen gezeigt, dass die Tätigkeit der Architektin auch die Themen
Einrichtung (Kochnischen - od. Spülkücheneinrichtung, Kindermöbel) und Rationalisierung
der Hauswirtschaft (Frankfurter Küche) beinhaltete.
Zum Buch
Margarete Schütte-Lihotzky
Warum ich Architektin wurde
Herausgegeben von Karin Zogmayer im Auftrag der
Universität für angewandte Kunst Wien
Residenz Verlag 2004
Die allgemeine Bekanntheit von Margarete Schütte-Lihotzky (1897 - 2000) stützt sich zum einen auf die
Frankfurter Küche
(zu sehen in der
Studiensammlung des Museums
für angewandte Kunst, Wien),
die als "erste Einbauküche" geführt wird und zum anderen auf das mythische Alter, das sie fröhlich und
munter erlebte, so dass sie auch noch bei der Feier ihres 100. Geburtstags Walzer tanzte.
Weniger bekannt ist, dass sie im österreichischen Widerstand gegen die Nazis tätig war,
von der Gestapo verhaftet wurde und viereinhalb Jahre im Zuchthaus eingesperrt war.
Dieser Zeit - und somit ihrer politischen Biographie - widmete sie ihre "Erinnerungen aus dem Widerstand" (Promedia 1994).
Der soeben erschienene Band "Warum ich Architektin wurde" stellt das Pendant dazu dar,
die "Erinnerungen" an ihre berufliche Tätigkeit der ersten Architektin Österreichs.
Ihrer Heimatstadt Wien konnte Schütte-Lihotzky nur wenige Architektur gewordene Beispiele der in Deutschland,
der Sowjetunion, China und der Türkei gesammelten Erfahrungen und Erkenntnisse auf dem Gebiet des
sozialen Wohnbaus hinterlassen. Wohl aber ihren umfangreichen Nachlass, der u.a. aus Originalplänen,
Zeichnungen, Fotos und Textkonvoluten besteht. Diesen vermachte sie ihrer ehemaligen Schule
(damals Kunstgewerbeschule, heute Universität für angewandte Kunst Wien), wo er seither
Forschungszwecken zur Verfügung steht. Dort stieß die Herausgeberin, Karin Zogmayer, auf ein mit
"Erinnerungen und Betrachtungen" betiteltes Manuskript, das auf Veröffentlichung drängte und nun unter
dem Titel "Warum ich Architektin wurde" bei Residenz erschienen ist.
Es handelt sich dabei nicht um eine klassische Autobiographie, die auf die Entwicklung der eigenen
Persönlichkeit fokussiert eine Lebensgeschichte erzählt. Der Text enthält persönliche Portraits der
wichtigsten Wegbegleiter (Adolf Loos, Josef Frank, Otto Neurath, Oskar Strnad, Heinrich Tessenow, Ernst May etc.),
der wichtigsten Projekte, an denen sie beteiligt war (Wiener Siedlerbewegung, sozialer Wohnbau im Roten Wien,
das Neue Bauen im Frankfurt der 20er Jahre, die legendäre Frankfurter Küche etc.)
und hat damit herausragende kulturhistorische Bedeutung: Schütte-Lihotzky begann Anfang der
achtziger Jahre die Arbeit an diesem Text, der, wie er nun als Publikation vorliegt,
die Jahre 1915 - 30 behandelt. Mehr als ein halbes Jahrhundert bewusst erlebte Geschichte
liegt somit zwischen der erzählten Zeit und der Niederschrift dieser "Erinnerungen für die Zukunft",
wie sie diese selbst einmal bezeichnete.
Entschieden wehrte sich die Autorin gegen die Gleichsetzung ihrer Person mit der Frankfurter Küche,
die nicht - einer gängigen Vorstellung zufolge - deshalb so revolutionär und ausgetüftelt sei,
weil sie von einer Frau geplant wurde. Denn Schütte-Lihotzky war nie "Hausfrau", sie hat in ihrem
Leben wenig selbst gekocht, aber Studien zur rationellen Haushaltsführung gelesen und diese verarbeitet.
Mindestens so wichtig wie die Griff- und Schrittersparnis war ihr an der Frankfurter Küche der
soziale Aspekt, dass diese (mehr als 10.000 mal!) in die neuen Wohnungen miteingebaut und -vermietet
wurde, die Mieter demnach, ohne selbst investieren zu müssen, mit der modernste Einrichtung leben konnten.
Nur unter der Bedingung, keine Küchen mehr bauen zu müssen, ging sie 1930 mit einer Reihe ihrer
Frankfurter Kollegen (darunter ihr Ehemann Wilhelm Schütte) nach Moskau, wo sie sich dann verstärkt
dem Bau von Kindergärten widmete und auf diesem Gebiet grundlegende Arbeit leistete, die sie auch
noch die nächsten Lebensjahrzehnte weiter beschäftigte. Wenn man einen Schwerpunkt in ihrem Werk
finden will, dann liegt der sicher in der Forschung und Entwicklung von pädagogischen Bauten.
Die Frage, warum sich Grete Lihotzky 1915 entschied, Architektin zu werden, beantwortet die Lektüre
dieses Buches schnell: diese Tätigkeit kommt ihrem Hang zur Gründlichkeit und Genauigkeit genauso
entgegen, wie ihrer Freude am künstlerischen Gestalten und dem vielleicht auffälligsten Merkmal
ihrer Persönlichkeit: ihrem Selbstverständnis als sozial verantwortlicher Mensch.
Als solcher hat sie auch dieses Buch geschrieben: nicht speziell für Architektenkollegen und Historiker.
Jeder Interessierte hat hier die Möglichkeit - sprachlich äußerst zugänglich und lebendig erzählt - zu erfahren,
welche Bedeutung die Architektur für unser Leben hat: als einzige "Kunstform", der wir nicht entrinnen können -
und welche Fragen sie sich deshalb zu stellen hat.
Dies ist ein Buch für jeden, der einmal ein Buch über Architektur, die im gängigen Bildungskanon eher eine
Randexistenz innehat, lesen will. Dieses Buch ist ein schönes Zeugnis von Schütte-Lihotzkys
unbeirrbarer Lebensbejahung.
Karin Zogmayer
mag. phil., geboren 1977 in Krems
Studium der Deutschen Philologie und Philosophie in Wien und Berlin
Zur Person
"Obwohl in Fachkreisen seit rund zwei Jahrzehnten geehrt, gefeiert, an Universitäten und
Architekturschulen herumgereicht, mit Doktorhüten geziert und zu Vorträgen und Diskussionen
eingeladen, ist sie im Sinne heutigen medialen Starkults nicht wirklich bekannt.
Dazu ist ihre Botschaft zu spröde, ihr Werk zu programmatisch und zuwenig kulinarisch,
ihr politisches Engagement zu unbequem. (...)
Die eigentliche Botschaft ihres Werkes scheint mir aber in einer unausgesetzten,
unpathetischen, einer Art selbstverständlichen Sorge um die Lebensbedingungen der
vom Wohlstand ausgegrenzten Menschen zu liegen, in einer Art Unteilbarkeit der Anstrengungen
in Praxis und Theorie. Es gab nie einen Berufsmenschen, einen politischen Menschen
und einen Privatmenschen Grete Schütte-Lihotzky. Ihre Architektur war kein abgekoppeltes
System von Fertigkeiten und Lösungsmodellen, ihre politische Arbeit keine Parallelaktion
im Sinne kakanischer Eigenschaften."
Friedrich Achleitner zum 100. Geburtstag von Schütte-Lihotzky in
Die Zeit
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